Wolfgangs Freunde

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Wir besuchen Wolfgang Krebs und seine Freunde in seinem Atelier in Traunfeld.

Das Wetter ist schön sonnig, aber nicht zu warm für einen Spaziergang über die Felder von Schleinbach nach Traunfeld. Nach einer halben Stunde frage ich Clasien, ob sie nicht fotografieren will. Nein, noch nicht, sagt sie.

Erst als wir bei einem Hochsitz mit Tarndecke vorbeikommen, bleibt sie stehen und dann bei einem Baum, den ein Biber angenagt hat.

Als wir die ersten Häuser von Traunfeld sehen, ruft sie Wolfgang an. Wir sind gleich da. Gut, ich stelle Kaffee auf, antwortet er.

Im Atelier hängen die Portraits der Malerfreunde gut sichtbar an der Wand. Sie lehnen sonst an den Seitenwänden, schauen zwischen den Leinwänden hervor. Sie sind immer da, aber nicht im Mittelpunkt. Wir trinken Kaffee, Clasien hat Kuchen mitgebracht, die Malerfreunde schauen uns an.

Mit den Portraits, die er von Fotos in schwarz weiß gemalt hat, holt Wolfgang seine „Ahnen, seine Inspiranten in sein Atelier, hat sie immer um sich. Was ist es, was dich so fasziniert an diesen Männern? frage ich ihn.

Wolfgang denkt kurz nach. Alle diese Männer sind auf ihre Art verrückt, sagt er. Sie sind ausgeflippt, eigenartig, extrem, besessen, kompromisslos, intensiv, wahnsinnig. Gehen wir seine „Ahnenreihe“ kurz durch.

Willem de Kooning. Er lebte von 1904 bis 1997. Er führte ein ungesundes Leben, trotzdem wurde er 93 und blieb immer kreativ. Er war nicht einfach und er hatte es nicht einfach, aber er hat immer weiter gemacht, auch als er schon sehr krank war.

Ich male um zu leben, ich lebe, um zu malen.

Claude Monet. 1840 bis 1926. Auch er, innovativ, revolutionär, besessen und diszipliniert. Er lebte ein bürgerliches Leben, konnte aber auch sehr unangenehm sein. Seine Gärten in Giverny sind einzigartig und weltberühmt, aber beliebt bei der dortigen Bevölkerung war er nicht. Als ich die Seerosen in der Lobau sah, dachte ich sofort an ihn und wollte sie unbedingt malen, sagt Wolfgang und zeigt auf seine letzten Bilder.

Die Aufgabe des Künstlers besteht darin, das darzustellen, was sich zwischen dem Objekt und dem Künstler befindet, nämlich die Schönheit der Atmosphäre.

Lovis Corinth. 1858 bis 1925. Er vereinigt impressionistische Momentaufnahmen mit expressiver Emotionalität. Sein Malen ist spontan, temperamentvoll. Nach seinem Schlaganfall 1911 erholte er sich nie mehr so ganz, aber durch seine Malerei und sicher auch durch die liebevolle Pflege seiner jungen Frau hielt er sich am Leben. Ich denke, die beiden führten eine gute Ehe.

Die Malerei ist eine rein sinnliche Empfindungskunst, die mit keinen textlichen Erklärungen verquickt werden soll.

Francis Bacon. 1909 bis 1992. Er war durchaus charismatisch und gesellig, hatte aber auch seine dunklen Seiten. Mit sich und seiner Malerei war er gnadenlos selbstkritisch, er war aber auch sehr eitel und spielsüchtig. Er kriecht vor den Mächtigen, nimmt Bestechungsgelder, er zerfleischt, zerhackt seine Portraits. Der Ausspruch Joseph Beuys „Zeige deine Wunden“ könnte über seinem Werk stehen. Bacon war der erste, den ich porträtierte, sagt Wolfgang. In diesem Moment kommt Wolfgangs Katze ins Atelier. Sie hat langes, sehr struppiges Fell. Wir müssen lachen. Sie schaut Bacon ähnlich.

Ich möchte die Dinge so unmittelbar wie möglich schaffen, und vielleicht ist es das, was die Leute schockierend finden. Ich bin zutiefst optimistisch über nichts.

Richard Gerstl, 1883 bis 1908. Er gilt als der erste Expressionist Österreichs. Auch er war ein Radikaler, Unangepasster und schwierig und jähzornig. In seinem Werk war er kompromisslos. Sein Porträt der Familie Schönberg ist einzigartig, sagt Wolfgang. Er zeigt uns eine Abbildung auf seinem Handy. Was wäre aus ihm geworden, wenn er nicht so früh Selbstmord begangen hätte – in der Porzellangasse 47.

Ich entfessel mich. Und dann bringe ich mich um.

Chaim Soutine. 1893 bis 1943. Ein schwer Traumatisierter, extrem sensibel und labil. Ein gesellschaftlicher Außenseiter und ein besessener Perfektionist. Sein Leben war geprägt von Leid und Krankheit. In seinen Bildern verzerrt er Häuser, seine Bäume fliegen durch die Luft, erzählt Wolfgang begeistert. Sein Ende ist leider ein trauriges. Als Jude und als Künstler, dessen Werk von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuft wurde, drohte ihm während des Krieges doppelte Gefahr. Er lebte in Frankreich im Untergrund, um der Deportation zu entgehen. Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich dramatisch, er hätte dringend ärztliche Hilfe gebraucht. Als er dann doch in einem Krankenhaus in Paris viel zu spät operiert wurde, stirbt er.

Ich sah einmal den Dorfmetzger die Kehle eines Vogels aufschneiden und das Blut herausfließen lassen. Ich wollte aufschreien, aber sein genussvoller Ausdruck ließ den Ton in meinem Hals stecken. Diesen Schrei, ich kann ihn immer in mir fühlen.

Franz Grabmayr 1927 bis 2015. Er ist vielleicht die Ausnahme unter diesen Männern. Er war Kärntner und hat im Waldviertel gelebt und gemalt. Wolfgang erzählt, wie er seine Farben in Riesenkübeln anrührte und mit der Maurerkelle arbeitete. Sein Farbauftrag ist oft massiv und zentimeterdick. Wolfgang kennt die Rezeptur dieser Farben – vielleicht werde ich mir auch bald so einen Kübel voll anrühren. Die Bilder Grabmayrs haben ein Gewicht bis zu 100 Kilogramm. Jedenfalls war er ein sehr Bodenständiger und ein Naturverbundener. Im Kamptal, dort, wo Grabmayr viel gemalt hat, ist Wolfgang oft gewandert.

Farbe, Dynamik, die Kraft des lebendigen – das sind die Mittel meiner Bildgestaltung.

Eugène Leroy. 1910 bis 2000. Der „schert“ sich auch nicht um Moden. Seine Bilder strahlen eine Wärme aus, sind voller Emotionen. Er gilt als Maler „der lange auf seine Bilder schaut“ bevor er sie vollendet. Und 2022 hatte ich so ein Glück, sagt Wolfgang. Ich war in Paris und dort war gerade im Musée d’Art Moderne eine Riesenausstellung seiner Werke.  Es wurden Akte, Selbstbildnisse, Landschaften, ich glaube an die 150 Gemälde und Zeichnungen, gezeigt. Ich konnte mich kaum losreißen. Dieser Maler hat mich definitiv sehr beeinflusst.

Man muss Maler sein.

Beeindruckt von diesem Nachmittag, mit Gedanken an die Künstler und mit Wolfgangs Bildern, machen wir uns wieder auf den Heimweg.

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