Abschied
Vor 37 Jahren und neun Monaten stand ich das erste Mal von diesem gelben Haus. Das Haus steht in einem typischen Weinviertler Straßendorf. Die Fassaden der Häuser schauen einen abweisend an. „Komm du besser nicht hier herein, bleib draußen, das ist unser Haus, unser Garten, unser zu Hause“ .

Das Tor ließ sich nur schwer öffnen. Die Fenster straßenseitig waren alle blind, die Scheiben zerbrochen, mit Holzbrettern dicht gemacht. Als wir das Tor öffneten sahen wir diesen Garten. Ein Grundstück, leicht ansteigend, Wiese, Bäume, die vielen Pfingstrosen sahen wir damals nicht, es war Jänner. An der Längsseite des Grundstücks stand das Haus, das wir sehr bald beziehen werden. Hier waren die Fenster intakt. Wir folgten dem Hausbesitzer in die Küche, dort auf der Bank saß seine Frau. Sie lächelte uns an, redete kaum.

Wir wurden durchs Haus geführt: Küche, Wohnzimmer, in den oberen Stockwerken zwei geräumige Zimmer, ein Bad. Der vordere Teil des Hauses, der Teil, der auf die Straße schaut, war, sagen wir renovierungsbedürftig. Wie gesagt, die Fenster waren blind, die Tür, die direkt auf die Straße führte, war verbarrikadiert. „Das war ein Geschäft“, erklärte uns der Hausbesitzer. „Die Frau Weber führte es, deshalb heißt es hier noch immer Weber Haus“. Vom ehemaligen Geschäftsraum aus hatten wir einen direkten Blick in den blauen Himmel. Das Dach hatte ein Loch. Wir kauften das Haus. Auch weil das Dorf einen Bahnhof hat. Mein Vater, der damals schon sehr krank war, stieg aus dem Auto nicht aus, als wir ihm unseren Erwerb stolz zeigen wollten. „Das wird viel Arbeit für euch“, sagte er, und wollte wieder fahren. Wir sind sehr bald in dieses Haus und diese Ruine eingezogen. Ein Zimmer nach dem anderen renovierten wir.
Zuerst entkleideten wir das bewohnbare Haus. Alle Tapeten, alle Teppichböden, alle Holzverschalungen entfernten wir. Mit den Holzabdeckungen zogen auch die Mäuse aus. Wir alle, mein Mann, unsere zwei älteren Töchter und ich fühlten uns von Anfang an hier sehr wohl. Wir freuten uns über jede neue Entdeckung, die hinter den Holzverkleidungen auftauchte. Wir hatten plötzlich in der Küche gewölbte Decken. Wir bekamen eine Einbauküche, im Wohnzimmer einen Kachelofen, Holzböden, eine Zentralheizung, neue Fenster und eine Balkontür direkt in den Garten.

Der Garten bekam Gemüsebeete, jedes Kind bekam einen Kirschenbaum und ich einen Marillenbaum, Mein Onkel aus dem Burgenland brachte mir einen winzigen Nussbaum, der inzwischen riesig ist. Und als wir mit dem hinteren Haus mehr oder weniger fertig waren, kam die Frage auf, was wir mit dem gelben Haus an der Straßenfront tun sollten. „Wegschieben“, sagten viele. Wir entschieden anders. Wie renovierten: neues Dach, neue Fenster, Holzböden, ein weiteres Badezimmer. Die Fassade erneuerten wir: schönbrunngelb. Unter dem alten Giebel fanden wir eine Jahreszahl: 1908. Ziemlich zeitgleich mit der Fertigstellung des Hauses kam unsere dritte Tochter zur Welt.

Obwohl die Weinviertler eher verschlossen sind, und Neuankömmlinge erst einmal vorsichtig begutachtet werden, haben wir uns gut eingelebt. Über die Kinder ging das leicht. Kindergarten und Volksschule bringen neue Freunde.

Wie viele Dorfbewohner pendelten wir. Die Kinder nach der Volksschule ins Gymnasium, mein Mann und ich in unsere Büros in der Hauptstadt. Es störte uns nicht.

Beinahe 38 Jahre sind wir im gelben Haus und jetzt ziehen wir weiter.

Bis es aber soweit ist, räume ich meine Kisten und Schränke und meinen Schreibtisch, der sehr tiefe Laden hat, aus. Alles, was mir wichtig erschien, alles, was ich nicht wegwerfen wollte, legte ich in diese Laden.
Und da sitze ich nun vor Ansichtskarten meiner Kinder, meiner Mutter, vor Glückwünschen zu den Geburten meiner Töchter, vor Eintrittskarten für besonders schöne Veranstaltungen, vor unzähligen Briefen ans Christkind, vor alten Zeitungen, vor Geburtstagswünschen und Gutscheinen, die nie eingelöst wurden. Ich lege die Zetteln von einer Seite zur anderen, der bereitgestellte Papierkörbe bleibt leer. Schließlich fahre ich zum Boesner. Dort finde ich ein sehr schönes Album und in das klebe ich meine Erinnerungen, mein Leben. Zum Wegwerfen wäre das alles viel zu schade.

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